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Die Entdeckung des grünen Marx
Der unheilbare Riss: Wie Karl Marx zum Ökologen wurde
Wenn Menschen heute das Wort „Kommunismus“ hören, reagieren die meisten mit Abwehr und Angst. Sie denken sofort an graue Einparteiensysteme, die totale Verstaatlichung aller Fabriken und die rücksichtslose Umweltzerstörung der Sowjetunion. Doch dieses Zerrbild hat erstaunlich wenig mit dem realen Denken des späten Karl Marx zu tun.
Dank der MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) – einem monumentalen internationalen Forschungsprojekt, das erstmals Marx' private Notizbücher, Briefe und unveröffentlichte Forschungsdaten (sogenannte Exzerpte) systematisch auswertet – erleben wir eine wissenschaftliche Sensation. Das Kapital erscheint in einem völlig neuen Licht: als messerscharfes Werkzeug zur Bewältigung der heutigen Umweltkrise im Anthropozän (dem Zeitalter, in dem der Mensch die Erde dominiert).
Das Missverständnis des Kommunistischen Manifests
Das populäre Bild von Marx basiert fast ausschließlich auf dem Kommunistischen Manifest von 1848. Darin entwerfen er und Friedrich Engels ein sehr geradliniges, optimistisches Geschichtsbild:
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Der Kapitalismus beutet die Arbeiter aus und treibt sie in die Verarmung.
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Gleichzeitig kurbelt der Markt die Produktivkräfte und den technologischen Fortschritt radikal an.
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Durch diese permanente Überproduktion schlittert das System in zyklische Krisen.
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Schließlich erhebt sich die notleidende Masse, stürzt die Kapitalisten und nutzt die hochentwickelte Industrie, um Wohlstand für alle zu schaffen.
Dieses frühe Denken war stark von Produktivismus (der Verherrlichung von Modernisierung und ewigem technologischem Wachstum) und Eurozentrismus geprägt. Der junge Marx glaubte naiv, dass Europa die Speerspitze der Entwicklung sei und alle anderen Völker diesen schmerzhaften Weg der kapitalistischen Industrialisierung durchlaufen müssten. 1853 behauptete er sogar noch arrogant, dass asiatische Gesellschaften wie Indien „geschichtslos“ seien und die britische Kolonialherrschaft quasi als brutaler Motor des Fortschritts benötigt werde. Das industriell entwickelte Land zeige dem minder entwickelten lediglich das Bild der eigenen Zukunft.
Doch Marx lernte dazu. Er revidierte diese Ansichten später radikal.
Die Entdeckung des Stoffwechsels
Als sich zeigte, dass die Revolutionen ausblieben und der Kapitalismus sich als extrem zäh erwies, vertiefte sich Marx in die Naturwissenschaften. Inspiriert durch den Chemiker Justus von Liebig entwickelte er im Hauptwerk Das Kapital (1867) seine bahnbrechende Stoffwechseltheorie.
Marx begriff, dass der Mensch kein isolierter Akteur ist, sondern in einem permanenten, lebendigen Kreislauf mit der Natur steht – dem „Stoffwechsel mit der Natur“. Die menschliche Arbeit ist dabei das steuernde und vermittelnde Element. Weil im Kapitalismus jedoch ausschließlich die Wertsteigerung und die Gewinnoptimierung zählen, wird dieser natürliche Kreislauf rücksichtslos gekappt. Marx warnte eindringlich vor einem unheilbaren Riss, den das Kapital in diesen Stoffwechsel reißt, indem es Ressourcen extrahiert, Böden auslaugt und den Planeten als reine Verwertungsmaschinerie missbraucht.