Mal eben gucken / Systemsturz / Illusion oder Chance / Schlusswort
Utopie im Realitätscheck?
Vom Egoismus und dem Problem des Vertrauens
1. Das Dilemma des Egoismus (Die ökonomische Perspektive)
Saitos Ideen wirken oft deshalb wie eine Illusion, weil sie voraussetzen, dass Menschen bereit sind, materiellen Wohlstand zugunsten des Planeten und der Allgemeinheit zu begrenzen. Hier stoßen wir auf zwei psychologische und evolutionäre Barrieren:
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Die Tragik der Allmende (Tragedy of the Commons): Wenn Ressourcen allen gemeinsam gehören (wie es Saito für Wasser, Energie und Grund und Boden fordert), neigt das Individuum rational dazu, so viel wie möglich für sich herauszuholen, bevor es ein anderer tut. Ohne staatlichen Zwang oder tiefen Altruismus kollabieren solche Systeme historisch oft.
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Status und Konsum als Identität: Im Kapitalismus ist persönlicher Erfolg eng mit materiellem Besitz verknüpft. Saito fordert eine Kultur des „Genug“ (Sufizienz). Für viele Menschen fühlt sich ein bewusster Verzicht auf Wachstum jedoch wie ein Rückschritt oder persönlicher Verlust an, selbst wenn es ihnen langfristig (durch mehr Freizeit und eine gesündere Umwelt) besser ginge.
Aus dieser Sicht scheitert die Idee am Egoismus des Einzelnen, der auf seinen kurzfristigen Vorteil fixiert ist.
2. Das Dilemma des Vertrauens (Die soziologische Perspektive)
Eine zweite Frage: Sind Menschen nicht in der Lage, aneinander zu glauben? Das ist psychologisch vielleicht sogar die noch größere Hürde. Saito baut seine Utopie auf „Commoning“ auf, also auf der Idee, dass lokale Gemeinschaften ihre Angelegenheiten basisdemokratisch und solidarisch selbst regeln.
Das Problem hierbei ist das Skalierungsproblem des Vertrauens:
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Die Dunbar-Zahl: Der Mensch ist evolutionär darauf programmiert, tiefes Vertrauen und echte Kooperation nur in relativ kleinen Gruppen (bis ca. 150 Personen) aufrechtzuerhalten. Sobald eine Gesellschaft Millionen von Menschen umfasst, anonymisiert sie sich.
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Das Trittbrettfahrer-Problem: Wenn wir in einer anonymen Großgesellschaft leben, schwindet das Vertrauen, dass der Nachbar sich an dieselben Regeln hält. Wenn ich meinen Konsum einschränke, aber das Gefühl habe, dass die Menschen in der nächsten Stadt (oder im Nachbarland) munter weiter prassen, verliere ich den Glauben an das gemeinsame Projekt. Es entsteht ein systemisches Misstrauen.
Saitos Utopie scheitert in der Praxis also oft nicht daran, dass der Einzelne böswillig ist, sondern daran, dass es strukturell fast unmöglich ist, kollektives Vertrauen über anonyme Großgesellschaften hinweg zu organisieren.
Was würde Saito darauf antworten?
Saito selbst ist sich dieses Dilemmas durchaus bewusst. Er argumentiert jedoch, dass der Mensch nicht „von Natur aus“ so egoistisch und misstrauisch ist, sondern dass der Kapitalismus uns zu diesem Verhalten erzieht, weil er uns in einen permanenten Konkurrenzkampf zwingt. Er glaubt: Wenn wir die Strukturen ändern (z. B. durch Arbeitszeitverkürzung und die Vergesellschaftung von Lebensgrundlagen), ändert sich auch das menschliche Verhalten hin zu mehr Kooperation.
Fazit
Das Dilemma von Saitos Ideen ist letztlich dasselbe wie bei Karl Marx: Es ist eine logisch und ethisch brillante Theorie für das Überleben der Menschheit, die aber ein Menschenbild voraussetzt, das es in der Realität der Massengesellschaft so (noch) nicht gibt.
Es ist das ultimative Dilemma: Wir müssten einander blind vertrauen und den Egoismus ablegen, um das System zu retten – aber das aktuelle System sorgt dafür, dass wir genau das nicht tun.